TI-Atlas 2026: Die Technik-Ausrede ist weg — jetzt zählt der Workflow
Die gematik hat den TI-Atlas 2026 veröffentlicht, die jährliche Standortbestimmung zur Digitalisierung des Gesundheitswesens. Befragt wurden im Mai 2026 insgesamt 5.057 Einrichtungen, darunter 1.533 Arztpraxen und MVZ. Die Kernaussage für niedergelassene Ärzte: Die Infrastruktur-Phase ist weitgehend abgeschlossen. Die offene Baustelle liegt am Arbeitsplatz — bei Suche, Struktur und Dokumentationsaufwand.
Die TI ist stabil geworden

69 Prozent der Arztpraxen bewerten die Stabilität der TI-Anwendungen positiv — ein Plus von zehn Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Bei Apotheken sind es 75 Prozent (plus 15 Punkte). Der Umstieg auf das TI-Gateway zahlt sich messbar aus: 71 Prozent der Apotheken berichten von einer Installation ohne technische Probleme, mehr als die Hälfte der Krankenhäuser mit TI-Gateway meldet stabilere Verbindungen.
Auch der Nutzen kommt an: 70 Prozent der Arztpraxen berichten von einem besseren sektorenübergreifenden Austausch (plus neun Punkte zum Vorjahr). Wer die TI vor zwei Jahren als Dauerbaustelle erlebt hat, arbeitet heute meist auf einer funktionierenden Grundlage.
Die ePA ist im Alltag angekommen
Ein Jahr nach dem Start der "ePA für alle" kennen 80 Prozent der Bevölkerung die Akte. Knapp 70 Prozent der Arztpraxen arbeiten intensiv mit ihr; 54 Prozent der regelmäßig nutzenden Praxen geben an, Patienten dank ePA und elektronischer Medikationsliste besser behandeln zu können. Die Mehrheit der Leistungserbringer sieht inzwischen mehr Nutzen als Aufwand.
Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung: Die Grundsatzfrage "bringt die ePA etwas?" wird im Versorgungsalltag zunehmend mit Ja beantwortet — von denen, die regelmäßig mit ihr arbeiten.
Wo es hakt: Struktur und Suche
Deutlich wird der Bericht bei den Wünschen der Leistungserbringer. Rund 90 Prozent wünschen sich eine Volltextsuche für die ePA — heute ist das Auffinden einer konkreten Information in einer wachsenden Akte offenbar mühsam genug, dass es der meistgenannte Funktionswunsch ist. An zweiter Stelle steht der elektronische Medikationsplan (eMP): 65 Prozent der Arztpraxen berichten (sehr) häufig von fehlenden Medikationsplänen, 60 Prozent erwarten vom eMP weniger zeitlichen Aufwand beim Erstellen und Aktualisieren.
Beides sind im Kern Dokumentations- und Strukturprobleme: Information ist vorhanden, aber nicht in der Form, in der sie am Behandlungsplatz gebraucht wird.
Die eigentliche Lücke: Werkzeuge am Arbeitsplatz

Der TI-Atlas hat erstmals breiter erhoben, wie Einrichtungen KI einsetzen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Etwa die Hälfte der befragten Einrichtungen nutzt bislang gar keine KI. Wo KI eingesetzt wird, dann vor allem für administrative und organisatorische Prozesse sowie Leitlinien- und Wissensrecherche. In den Bereichen, die Ärzten täglich Zeit kosten — Dokumentationsassistenz, Arztbrief-Erstellung, Patientenkommunikation, Abrechnungsunterstützung, Terminvergabe —, liegt die Nutzung jeweils bei höchstens 20 Prozent. Selbst Krankenhäuser melden nur 16 Prozent KI-Nutzung bei der Entlassbrief-Erstellung.
Zusammengenommen ergibt das ein klares Bild: Die Datenautobahn steht, die Akte füllt sich — aber das Schreiben, Strukturieren, Ablegen und Wiederfinden bleibt in vier von fünf Einrichtungen Handarbeit.
Was das für die eigene Praxis bedeutet
Erstens: Wer Investitionen in den Praxis-Workflow bisher mit Verweis auf die instabile TI zurückgestellt hat, sollte die Entscheidung neu bewerten — die Grundlage hat sich laut den Zahlen der gematik deutlich verbessert.
Zweitens: Der Engpass liegt messbar nicht mehr in der Anbindung, sondern im Dokumentationsprozess. Gerade in dokumentationsintensiven Fächern wie der Dermatologie — Verlaufskontrollen, Histologie-Befunde, Arztbriefe, Bilddokumentation — entscheidet der Workflow zwischen Befund und abgelegtem Dokument über die täglich verlorene oder gewonnene Zeit. Seit dem 30. Juli kommt hinzu, dass die ePA-Befüllung nicht mehr gesondert vergütet wird — der Prozess trägt die Kosten allein.
Drittens: Die 90 Prozent Zustimmung zur Volltextsuche zeigen, wohin die Reise geht — strukturierte, durchsuchbare Dokumentation wird vom Nice-to-have zur Erwartung. Wer heute Befunde so dokumentiert, dass sie maschinenlesbar und strukturiert vorliegen, arbeitet in die Richtung, die die ePA-Ausbaustufen (Volltextsuche, MIOs, eMP) ohnehin verlangen werden.
Zur Methodik
Der TI-Atlas erscheint jährlich, 2026 zum sechsten Mal. Die Befragung lief im Mai 2026 als quantitative Online-Erhebung; eingeladen wurden 43.687 Institutionen, teilgenommen haben 5.057, darunter 1.533 Arztpraxen/MVZ. Die Ergebnisse für Arztpraxen sind nach Versorgungsebene und Praxisgröße gewichtet; der maximale Standardfehler liegt in dieser Gruppe bei rund 1,3 Prozentpunkten.
Quelle
- gematik: TI-Atlas 2026 — https://www.gematik.de/telematikinfrastruktur/transparenz/ti-atlas